Küstenregion Friesland und Wittmund gerät immer mehr aufs Abstellgleis
Die Landkreise Friesland und Wittmund sowie die kreisfreie Stadt Wilhelmshaven sind zu Recht stinkesauer. Und ihre Frustration über die Deutsche Bahn, die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen und den Bahnhersteller Alstom wird immer größer.
Ich musste leider bei einer Zusammenkunft der Beteiligten in Wilhelmshaven selbst erleben, wie die Verantwortlichen ihre Versprechen von besseren Bahnverbindungen und attraktiven Zügen zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven sowie von dort weiter in die Fläche über Wittmund bis nach Esens erneut auf die lange Bank schieben.
Damit wird die Region an der Küste immer weiter abgehängt. Wilhelmshavens Oberbürgermeister Carsten Feist fordert endlich Lösungen. So wird die Region seit vielen Jahren vertröstet und die Situation für die Bahnfahrgäste statt besser immer schlechter.
Dabei sollten die neuen Alstom-Züge bereits seit 2022 auf der Strecke Oldenburg-Wilhelmshaven fahren. Jetzt wird es frühstens Mitte 2027 der Fall sein.
Eines wurde mir bei dem Treffen erneut allzu deutlich vor Augen geführt: Die immer größer werdenden Probleme im Öffentlichen Personennahverkehr speziell auf der Schiene sind vielfach hausgemacht. Dabei ist dies zum einen die in Deutschland und der Europäischen Union völlig überbordete Bürokratie. Zudem fehlt es am Geld. Bei dem Gespräch im Rathaus Wilhelmshaven wurde aber auch deutlich, dass die Akteure sich nicht in ihrem Handeln abstimmen.
Das beste Beispiel ist die Planung der Deutschen Bahn, das Glasdach der Bahnsteighalle am Hauptbahnhof Oldenburg zu sanieren. Obwohl die Arbeiten in diesem Jahr begonnen haben, sollen sie bis Juni 2027 andauern. Dies führt zu wechselseitiger Sperrung der drei Bahnsteige im Hauptbahnhof Oldenburg. Rein zufällig ist davon speziell auch der Bahnsteig mit den Gleisen drei und vier betroffen. Auf diesen Gleisen soll die Vereinigung der beiden Zugteile der neuen Alstom-Züge aus Wilhelmshaven und Norddeich/Emden erfolgen, wozu eine entsprechende Zugsignalisierung vorhanden sein muss. Im Klartext: Obwohl die Züge von Alstom eventuell Ende 2026 zur Verfügung stehen, können sie immer noch nicht eingesetzt werden, sondern frühestens nach dem Ende der Sanierungsarbeiten, da die notwendige Signaltechnik nicht genutzt werden kann.
Manchmal scheint den Akteuren der Deutschen Bahn gar nicht klar zu sein, welche enormen wirtschaftlichen Schäden sie ganzen Regionen mir ihrer unabgestimmte Planung zufügen. Den Landräten von Wittmund (Holger Heymann) und Friesland (Sven Ambrosy) platzt deshalb bei den neuesten angekündigten Verzögerungen endgültig der Kragen. Sie haben genug vom “Zuständigkeits-Pingpong” zu Lasten der Region. Diese lebe besonders vom Fremdenverkehr mit insgesamt elf Millionen Übernachtungen.
Dabei wird es für die Touristen immer schwieriger, die wunderschönen Urlaubsziele an der Küste mit der Bahn zu erreichen. Auf der von der NordWestBahn betriebenen Linie RE18 (Osnabrück – Oldenburg – Wilhelmshaven) nehmen die Pünktlichkeitswerte immer mehr ab. Aufgrund massiver Infrastrukturmängel im Streckenabschnitt südlich von Oldenburg ist der von der LNVG angebotene Fahrplan unter Echtbedingungen kaum umzusetzen. Die dadurch entstehenden Zugverspätungen und –ausfälle wirken sich insbesondere auf den nördlich von Oldenburg liegenden Streckenteil aus. Dies führt vermehrt zu Anschlussverlusten im Bahnhof Sande und im weiteren Verlauf der Busse zu den Fähranlegern Bensersiel, Neuharlingersiel und Harlesiel. Zudem hat sich eine Baustelle im Stadtgebiet von Oldenburg aufgrund mangelhafter Baustellenkoordination seitens der Deutschen Bahn zeitlich stark in die Länge gezogen. Die Folge ist eine eingleisige Betriebsführung auf 13 Kilometer Länge bis in den Bahnhof Rastede. Der bislang angebotene 30-Minuten-Takt in der Verkehrsspitze zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven kann nicht verkehren und wurde aus dem Fahrplanangebot gestrichen. Diese zusätzlichen Fahrten verkehren im Übrigen mit elektrische Fahrzeugen der Regio-S-Bahn Bremen durch die NordWestBahn.
Auf der anderen Seite tragen die Einheimischen die Hauptbelastungen durch die Produktion des grünen Offshore-Ökostromes wie Umspannwerke und 380 KV-Leitungen. Ähnliches gilt für die Menschen an der Ems von Emden bis Lingen.
Ich kann die rund 250.000 Menschen in den Landkreisen in Friesland, Wittmund und Wilhelmshaven nur bei ihren Forderungen für bessere und attraktive Bahnverbindungen unterstützen. Es ist völlig unverantwortlich, dass die Elektrifizierung der Bahnstrecken in einer Region, wo der Ökostrom für weitere Teile Deutschland produziert wird, als letzte genutzt werden kann.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wir reden hier frühestens vom Jahr 2035. Die Landesnahverkehrsgesellschaft in Hannover sollte ihre Prioritätenliste ganz schnell überarbeiten, damit Einheimische aber auch Millionen Touristen zum Weltnaturerbe Wattenmeer nicht mehr mit Umwelt zerstörenden Dieselloks fahren müssen, sondern mit elektrisch betriebenen Doppelstockwagen von Alstom reisen können. Als einzige elektrisch betriebene Leistungen im Personenverkehr bleiben derzeit nur die Züge der Taktverdichtung der Regio-S-Bahn in der morgendlichen und nachmittäglichen Spitze.